Der Mensch aus weiblicher Sicht

  

Schon seit Menschengedenken und in allen Kulturen wird die Frau als wesentliches lebenstragendes Element der Natur verehrt oder unterdrückt, immer aber stellt sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für das Männliche dar.

Mit der einzigartigen Gabe des ursprünglichen, des mütterlichen Elements mit unendlichen gebärenden, schöpferischen Kräften versehen, lässt sie den strahlenden Glanz des Mythos hinter sich und wird Mutter, Schwester, Tochter, Frau.

 

„Vor meinen Augen warst du Licht,

Vor der Liebe Liebe

Und als er Dir den Kuss nahm, Frau“

 

Mit diesen Zeilen drückte der griechische Dichter Odysseas Elytis die Hymne für das ewige Weibliche aus, aber nicht, um etwas von dessen Geheimnissen preiszugeben, sondern um zu versuchen, mit den Möglichkeiten der Poesie dieser großen universellen Schöpfung gerecht zu werden.

 

Die Ausstellung Frauenblicke orientiert sich an dieser Art poetischer Formulierung, ist im Großen und Ganzen ein Versuch, sich der Entdeckung der schöpferischen Macht von unterschiedlichen Positionen aus anzunähern.

Die vier Künstlerinnen, die hier ihre Arbeiten zeigen, Corinna Rosteck, Akram Abooee, Aleksandra Koneva und Jinran Kim, erschließen uns eine Welt verschiedenformatiger bildhafter Ausdrucksformen, in denen die menschliche Gestalt nicht nur rein optisch präsent ist, sondern vielmehr als  fleischgewordene seelische Erschütterung, in welcher sich das geheimnisvolle Zusammenspiel zwischen Körper und Psyche als vereinendes Ideal konkretisiert um eine neue Form des Bewussteins zu schaffen.

Unsere Welt unterliegt einem stetigen Wandlungsprozess und wird von jedem unterschiedlich wahrgenommen und jeder Einzelne wird entsprechend seinen, durch das Heimatland geprägten und in den sozialen und kulturellen Kontext eingebundenen Wahrnehmungen,  ein und dieselbe Sache mit einem anderen Ergebnis zu Ende bringen, mit unterschiedlicher Fokussierung in der Ausrichtung seiner persönlichen Entwicklung.

 

Corinna Rosteck verstärkt in ihren Fotografien den Reiz des Körperlichen, lässt ihn sich über Raum und Zeit entwickeln, als Element, das in eben diese Natur gehört und vollkommen mit dem Kreis sämtlicher Epochen der Menschheitsgeschichte verschmilzt.

 

Akram Abooee zeichnet Körper, die in eine Bewegung des Gehorsams gezwungen sind. Körper, die an Gesetze gebunden sind, die ihrerseits von Kräften bestimmt werden, die jedwede Natürlichkeit ignorieren und der Natur ein Korsett anlegen, das keine Luft zum Atmen lässt.

 

Die Königinnen von Aleksandra Koneva lassen, unabhängig von ihrer verschiedenen Farben zugeordneten Stimmung, sei es schwarz, rot oder grün, jede Art konkreter Körperlichkeit hinter sich. Die Reduzierung auf das Wesentliche im Bild berührt bereits die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt. Das Ich aber ist dominant bis hin zum Innersten der weiblichen Natur.

  

Jinran Kim will das aus unendlich vielen kleinen Teilen bestehende Ganze und die Vielfalt der in ihm enthaltenen Wesen greifbar, sichtbar machen. Die Selbstverständlichkeit der Tradition, die Fähigkeit des Ausdrucks  und natürlich der grandiose Rhythmus einer allumfassenden Welt ist gegenwärtig, damit wir ihn mit unserem Geist befruchten.

 

Vier Künstlerinnen, vier unterschiedliche Formen des Ausdrucks, die sich mit dem Phänomen des Seins auseinandersetzen. Nicht mit dem analytischen und dokumentarischen männlichen Blick, sondern mit weiblicher Empfindsamkeit, wo das Sein seine großen Wahrheiten hinter sich lässt, um uns aus einem anderen Gesichtswinkel heraus die komplizierte Bedeutung der Kultur aufzuzeigen.

 

Die Fotografien und die Videos von Corinna Rosteck geben ein Körperbild wieder, dessen Sinnlichkeit sich in der lichtdurchfluteten Enthüllung des Wassers offenbart und das zum Atemholen der Materie bedarf. Das Wasser, das die Klarheit der Reinigung in sich trägt, gibt dem Körper die Gewissheit der Bewegung, damit er frei den natürlichen Wandlungsprozess des Körpers in den rhythmischen Wellen der Zeit durchqueren und mit einem Ausdruck der Ganzheit handeln kann. Fast scheint es, als würde die Künstlerin aus der ersten philosophischen Abhandlung des Thales von Milet zitieren, wo der erste Lichtstrahl auf dem Wasser das Leben weckt.

 

Die Körper von Akram Abooee fordern Entzifferung. Die Fäden, die noch von den genähten Moralgesetzen vom Körper herabhängen, um die Quintessenz seiner Natur zu ersetzen, sind ein Zeichen, wohin die Seele in der Entdeckung ihrer Unterwürfigkeit führt. Es ist das einzige Wesentliche, das diese Art von  Befreiung nach der harten Unterdrückung jeglicher Art weiblicher Lust und Beschränkung der ihr eigenen Natur begleitet.

Die Künstlerin lässt sich mit den Umrisslinien auf ein dialektisches Spiel mit dem Körperlichen ein, um uns das Feuer und die Explosivität zu zeigen, die im weiblichen Körper zuhause sind. Die Körper in ihrer geistigen Projektion berühren mit dem Rhythmus zukünftiger Verordnungen die Grenzen einer anderen Welt, die sich erweitert.

 

Aleksandra Koneva macht durch sich selber die Frau unsterblich und hat so die ganze Freiheit, um mit den ureigensten Elementen des Lebens tätig zu werden. In ihren vierteiligen Arbeiten mit schwarzem Hintergrund, jedes einem ihrer Gliedmaßen gewidmet, scheint die Erotik so stark in Licht gemeißelt, dass es sie in eine wirkliche Grundlage umwandelt, genügend um reich an Versprechungen zu sein.

Selber als Modell agierend, kreiert sie ein Festmahl, mit Farben, die der Hauptspeise aus lebenden Elementen der Natur den Geschmack geben. Fast als versöhne sich eine archaische Mänade mit einer neuen begriffslogischen Auffassung der natürlichen Welt.

 

Die Koreanerin Jinran Kim hinterlegt die Erinnerungen ihres besonderen kulturellen Hintergrunds auf rituelle Art. Der Schrein auf der Spitze mit den 108 Stufen erscheint in geheimnisvoller Regelung mit den vielfältigen Gestalten der Erinnerung. Die weißen Seifen in einem Läuterungsraum für den Körper. Die Matratzen des Dichters und der Geisha, die an den Wänden hängen, sind Momente der Geschichte, die bewahrt werden müssen. Der Dichter

  

mit seiner geistigen Hinterlassenschaft atmet heute hier zwischen uns. Die Geisha mit einer lebendigen erotischen Erinnerung, die aus ihrer Matratze steigt, ermuntert uns zu Gemütsbewegungen über die Veränderung des Materials hinaus.

Der Duft, den Sie vielleicht schon wahrgenommen haben, erinnert uns an die Größe der wirklichen Welt, von wie fern er auch kommen mag. Die Dichtung und die Liebe mit dem Aroma von Jasmin konzentrieren sich wie Zellkerne in den weißen Seifen, um den Entdeckungsprozess des Körpers in Gang zu setzen, der innerhalb der Empfindung von Erinnerung nach Katharsis verlangt.

 

Dieser Raum, von Frauenblicken gestaltet, zeigt einmal mehr, dass das Weibliche allgegenwärtig ist. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen inspirierenden Abend!

 

Pantelis Sabaliotis

 

 
 

email: akram.abooee@gmx.net

tel:   017663406356

 

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